Visitenkarten Geschichte
Einige behaupten, Visitenkarten hätten ihren Ursprung bereits im alten Ägypten, andere wiederum meinen dieser wäre im 15. Jahrhundert in China zu finden...

Weder der genaue Ursprung der Visitenkarte, noch ihr Erfinder ist geschichtlich belegt oder nachvollziehbar. Es gibt Vermutungen, das die "Urväter" der heutigen Visitenkarte bereits im alten Ägypten gelebt haben, wo man zu bestimmten Gelegenheiten kleine Präsente und "Notizzettel" überreichte.
Andere wiederum meinen, der Ursprung sei im China des 15. Jahrhunderts zu finden, wo Beamte sich mit beschrifteten Papierstreifen bei Besuchen angekündigt haben sollen. Belastbare Belege gibt es dafür kaum, sodass diese Geschichten eher Überlieferung als gesicherte Geschichte sind.
Das erste belegbare Aufkommen der klassischen Visitenkarten wird auf das 17. Jahrhundert datiert. Zu dieser Zeit gehörten diese Besuchskarten zum guten Ton beim Adel in Frankreich, Österreich und England. Der Name verrät die Herkunft: Die französische carte de visite war wörtlich eine „Besuchskarte“. Wer bei einer Dame oder einem Herrn von Stand vorsprach, gab seine Karte beim Diener ab, der sie auf einem Silbertablett weiterreichte. Ob man empfangen wurde, entschied der Hausherr, nachdem er die Karte gelesen hatte.
Die Bilder auf dieser Seite zeigen Visitenkarten von Johann Wolfgang von Goethe und Kaiser Wilhelm. Sie belegen, wie schlicht die Karten damals oft waren: Name, gegebenenfalls Titel, sonst nichts. Eine Adresse war unnötig, denn die Karte wurde persönlich abgegeben.

Besuchskarte und Geschäftskarte: zwei Wurzeln
Die heutige Visitenkarte hat zwei Vorfahren, die lange nebeneinander existierten. Die Besuchskarte des Adels und später des Bürgertums diente der gesellschaftlichen Etikette. Sie trug nur Namen und Titel und war ein Werkzeug, um Besuche anzukündigen, Grüße zu hinterlassen und Beziehungen zu pflegen.
Daneben entwickelte sich in London und anderen Handelsstädten ab dem späten 17. Jahrhundert die Geschäftskarte, im Englischen „trade card“ genannt. Händler und Handwerker ließen Kärtchen drucken, auf denen neben dem Namen auch das Geschäft und eine Wegbeschreibung standen. Hausnummern waren damals in vielen Städten noch nicht üblich, deshalb beschrieben die Karten den Weg über Wahrzeichen oder Ladenschilder. Diese Karten waren eher kleine Werbezettel als Visitenkarten im heutigen Sinn, trugen aber schon die Idee in sich, Kontaktdaten an Kunden weiterzugeben.
Die Sprache der geknickten Ecken
Im 19. Jahrhundert wurde der Umgang mit Besuchskarten in Europa zu einem eigenen Regelwerk. Anstandsbücher erklärten, wann man Karten hinterlässt, wie viele und für wen. Besonders bekannt ist die Sitte, eine Ecke der Karte umzuknicken, um zu zeigen, dass man persönlich vorbeigekommen war und die Karte nicht nur durch einen Boten abgegeben hatte.
Dazu kamen kleine Buchstabenkürzel aus dem Französischen, die mit Bleistift auf die Karte geschrieben wurden:
- p.f. (pour féliciter) – um zu gratulieren, etwa zum Neujahr
- p.r. (pour remercier) – um sich zu bedanken
- p.c. (pour condoléances) – um sein Beileid auszusprechen
- p.p.c. (pour prendre congé) – um sich vor einer längeren Abreise zu verabschieden
Das Kürzel „p.f.“ hat sich besonders in Tschechien und der Slowakei bis heute auf Neujahrskarten gehalten, als Wunsch für ein gutes neues Jahr.
Lithografie und Fotografie machen die Karte populär
Lange Zeit wurden Visitenkarten aufwendig im Kupferstich oder mit Handsatz im Hochdruck hergestellt. Mit der Lithografie, die Alois Senefelder Ende des 18. Jahrhunderts in München erfand, wurde das Drucken kleiner Auflagen günstiger und die Gestaltung freier. Im 19. Jahrhundert konnte sich deshalb auch das Bürgertum eigene Karten leisten.
1854 ließ sich der Pariser Fotograf André Adolphe-Eugène Disdéri ein Verfahren patentieren, mit dem sich mehrere kleine Porträtfotos auf einer Platte aufnehmen ließen. Die auf Karton aufgezogenen Bilder im Format einer Visitenkarte hießen ebenfalls carte de visite. Sie wurden gesammelt, getauscht und in Alben geklebt und lösten in den 1860er-Jahren eine regelrechte Sammelwelle aus.
Vom 20. Jahrhundert bis heute
Im 20. Jahrhundert verlor die gesellschaftliche Besuchskarte an Bedeutung, während die Geschäftskarte zum Standard im Berufsleben wurde. Mit Telefon, Fax und später E-Mail kamen immer mehr Kontaktangaben hinzu. Der Offsetdruck machte große Auflagen günstig, und das Scheckkartenformat setzte sich durch, weil es in Brieftaschen und Etuis passt.
Heute existieren gedruckte und digitale Visitenkarten nebeneinander. Viele Karten tragen einen QR-Code, der auf ein Onlineprofil oder eine vCard-Datei verweist, manche enthalten einen NFC-Chip, der sich mit dem Smartphone auslesen lässt. Trotzdem hat die gedruckte Karte ihren Platz behalten: Sie funktioniert ohne Technik, ist sofort zur Hand und hinterlässt einen haptischen Eindruck, den ein digitaler Kontakt nicht ersetzt. Mehr zum heutigen Umgang mit Karten steht im Visitenkarten-Knigge.
Visitenkarten als Zeitzeugen
Alte Visitenkarten sind heute eine Quelle für Historiker und Familienforscher. Sie verraten, welche Titel und Berufsbezeichnungen jemand führte, in welcher Stadt er lebte und wie er sich selbst sehen wollte. In Nachlässen finden sich oft ganze Stapel von Karten, die Besucher hinterlassen haben, und damit ein Abbild des gesellschaftlichen Umfelds einer Familie. Archive und Museen sammeln solche Karten deshalb gezielt.
Auch die Typografie verändert sich mit der Zeit. Frühe Karten tragen Kupferstich-Schreibschriften mit feinen Schwüngen, im späten 19. Jahrhundert kommen verzierte Zierschriften und Prägungen hinzu, im 20. Jahrhundert setzen sich klare Groteskschriften durch. Wer eine alte Karte datieren will, findet in Schrift, Papier und Druckverfahren oft bessere Hinweise als im Text selbst. Eine fühlbar erhabene Schrift spricht etwa für Kupfer- oder Stahlstich, eine leicht ins Papier gedrückte Schrift für Buchdruck.
Bemerkenswert ist, wie wenig sich das Grundprinzip in rund 400 Jahren verändert hat: Ein kleines Stück Karton mit Namen und Angaben zur Person wird von Hand zu Hand weitergegeben. Geändert haben sich vor allem die Kontaktwege, die darauf stehen.
Häufige Fragen
Woher kommt das Wort Visitenkarte?
Es stammt vom französischen carte de visite, also „Besuchskarte“. Ursprünglich wurde die Karte bei einem Besuch abgegeben, um sich anzukündigen oder einen Gruß zu hinterlassen.
Seit wann gibt es Visitenkarten?
Sicher belegt sind Besuchskarten in Europa seit dem 17. Jahrhundert, vor allem beim Adel in Frankreich. Ältere Ursprünge im alten Ägypten oder im China des 15. Jahrhunderts werden genannt, sind aber nicht verlässlich belegt.
Was bedeutet eine geknickte Ecke auf einer Visitenkarte?
Im 19. Jahrhundert zeigte eine umgeknickte Ecke, dass der Besucher die Karte persönlich abgegeben hatte. Heute hat die Geste keine Bedeutung mehr, eine geknickte Karte wirkt eher ungepflegt.
Was bedeutet „p.p.c.“ auf einer alten Visitenkarte?
„P.p.c.“ steht für pour prendre congé, „um Abschied zu nehmen“. Man hinterließ die Karte mit diesem Vermerk, bevor man für längere Zeit verreiste oder wegzog.